Man kann nie wissen – zweite Aufführung

Mein Name ist Bohun. Ich bin der erfolgreiche Anwalt, Sie haben bestimmt schon von mir gehört.

Die Schminke brennt mir im Gesicht, gut kann dieses Zeug nicht wirklich sein. Aber nachdem ich den steilen Witikoner Berg mal wieder in Rekordzeit hinauf bin, schwitze ich doch ein wenig vor mich hin. Und in Verbindung mit dem Schweiß entfalten dann auch die Pigmente der Grundierung ihre hautreizende Wirkung. Und das alles nur, damit ich im gleißenden Scheinwerferlicht nicht komisch glänzend erscheine.

Der Prozess des Anmalens besteht bei mir (als Mann bin ich da relativ unkompliziert) aus zwei Phasen. Zuerst werden mit einem Stift, den man sich als sehr weichen, fettigen Bleistift vorstellen kann, die Augenlider mit einem Strich versehen. Dies ist etwas unangenehm, da man normalerweise keinen Stift in dieser empfindlichen Region herumfuhrwerken hat. Man blinzelt und die Augen tränen ein wenig. Aber naja, dafür geht das nicht lange. Mit dem gleichen Stift malt man dann noch die Augenbrauen nach, alle diese Maßnahmen sorgen dafür, dass auch Leute von ganz hinten die Gesichtszüge möglichst gut wahrnehmen können. Die Augen wirken größer und betonter, die Augenbrauen markanter.

Danach kommt die Grundierung an die Reihe, mit einem großen Pinsel wird das Zeug auf dem Gesicht verteilt. Augen zu und durch ist die Devise. Die Wirkung ist, dass das grelle Scheinwerferlicht keine Glanzstellen hervorruft.

Es lief gut, aber nicht ganz so gut wie gestern. Die Leute lachten auch nicht laut, vielleicht fehlte uns dieses motivierende Feedback. Einige Schnitzer geschahen, auch ich hatte einen kleinen Hänger. Der Satz ging zu Ende und mir fiel der nächste einfach nicht ein. Zum Glück der übernächste, denn den brauchte dann eine Kollegin, um weiterzumachen. Aber wahrscheinlich haben es die Zuschauer gar nicht gemerkt. Sind ja auch alle sehr wohlwollend.

Ich bin müde. Schon wieder Mitternacht. Der Abend gelaufen, die (leider sehr wenigen) Zuschauer begeistert. Der Applaus verklang. Vorbei.