Lindy Hop, 2

Nebel liegt über Zürich, selbst die vielen spitzen Kirchtürme können ihn nicht durchbohren. Am Hauptbahnhof herrscht die stets vorhandene Betriebsamkeit, es geht regelrecht hektisch zu. Ich durchquere die Einkauspassage unter den Gleisen, RailCity genannt. Ich muss zur anderen Seite, wo der imposante Bau des Landesmuseums sich erhebt. Dieses sieht aus wie eine Mischung aus mittelalterlicher Burg und einem Barock-Schloss. Das Schönste von allem hatte es wohl sein sollen, aber gerade deshalb wirkt es auch bemüht. Ich gehe um das Gebäude herum und frage mich, warum sie nicht auch noch einen Burggraben gebaut haben, das fehlte noch. Durch den Park laufe ich an der Limmat entlang, weg vom schönen Teil Zürichs, der Altstadt. Noch ein paar Häuser am anderen Ufer sehen richtig schmuck aus, dann beginnt ein Stadtteil, der eher durch funktionelle Industriearchitektur geprägt ist.

Das Jugendhaus Dynamo steht vor mir, mit dem Restaurant “Chuchi am Wasser”. Ein seltsamer Ort, mit Graffitti-Wänden und vielen Einrichtungen kultureller Art. Über allem hängt der Geruch von Gras. Draußen wird geschweißt, sogar heute an diesem kalten Februartag.Ich nehme die Treppe, im zweiten Stock rennt mir eine (gemalte) nackte Frau mit Totenschädel und Messer in den Händen entgegen. Sie schaut vergnügt, aber hat es eilig. Wahrscheinlich ist es der Schädel eines Mannes. Musik tönt mir entgegen, ich bin fast da, im Tanzdach.

Sie hat zerzauste dunkelbraune Haare mit verblassten hellen Strähnchen. Ihre schwarze Jacke ist fleckig, ebenso ihre Hosen. Sie ist wie aus einer anderen Welt. Bei einem Zirkus arbeitet sie, momentan ist Winterquartier-Zeit und die neue Show wird ausgetüftelt. Im Frühjahr geht es dann los, sie spielen in der Ostschweiz an vielen Orten. Viele Hallos und Tschüss’ in ihrem Leben.

Meine Füße tun mir weh, nach mehr als drei Stunden in Strümpfen ist das auch kein Wunder. Charleston ist das hüpfintensivste, wieder probieren wir den Grundschritt, diesmal gibt es auch eine kleine Figur. Nicht einfach, manchmal konzentriere ich mich auf das falsche Bein, hopse völlig planlos und aus dem Takt herum. Aber es geht doch besser als das letzte Mal, ich scheitere auf höherer Ebene.

Männermangel. Ist mal was Anderes, beim ersten Kurs waren wir noch in der Überzahl gewesen. Aber wir wechseln ständig, so dass ich meine sich entwickelnden Swing-Führungsqualitäten an verschiedenen Frauen ausprobieren kann. Es klappt nicht immer, ist aber auf jeden Fall lustig. Das Repertoire erweitert sich, wir drehen immer raffinierter und dynamischer.

Musik. Swing. Schwer zu beschreiben, durchdringt alles. Muss man hören. Es swingt einfach. Klarer Rhythmus. Schöne Stimmen, verspieltes Klavier, markante Trompete, jazzig, herrlich. Meine Wunschliste wird immer länger, ich bin in einer Jazz-Stimmung.