ungewissheit

“Rien ne va plus!”

Die Kugel rollt, ihr munterer Reigen zeigt erste Anzeichen von Ermüdung. Längst rollt sie nicht mehr oben, sondern nähert sich bedrohlich dem rotierenden Kreisel in der Mitte.

Die alte Dame ist vornehm gekleidet, ein wenig altmodisch aber doch geschmackvoll. Die Haare sind perfekt gelegt, als käme sie gerade vom Friseur, vielleicht war sie tatsächlich dort, ehe sie die Pforten des Kasinos durchschritt. Sie kommt regelmäßig, eines der zahllosen Opfer von Spielleidenschaft. Aber sie beherrscht sich, alles auf eine Zahl ist nicht ihre Sache.

Rot oder Schwarz?

Die Kugel trifft auf die Scheibe in der Mitte, sie ist müde geworden vom eintönigen Rundumlaufen.Sie wird reflektiert, zurückgeschleudert in Richtung Bande.

Langsam verliert auch die alte Dame ihre Fassung, ihr Puls steigt wie beim Treppensteigen, sie hält – ohne es zu bemerken – den Atem an, wird sich dessen bewusst, atmet ruhig, kommt beim nächsten unvorhergesehenen Manöver der kleinen Kugel wieder ins Stocken, atmet hastiger, nimmt die Unterlippe zwischen die Zähne.

Auch die Scheibe wird langsamer, aus dem gleichförmigen Vorbeirauschen von Rotschwarz lassen sich langsam die einzelnen Segmente unterscheiden, man kann ein- und zweistellige Zahlen unterscheiden, auch die grüne Null zeichnet sich als wirrer Kreisel ab. Diese Beruhigung des Laufes wirkt wie ein Magnet auf die Kugel, die irgendwann liegen bleiben wird.

Gerade oder Ungerade?

Sie hat jetzt die Hände hochgenommen, umklammert den Spieltisch, die Knöchel treten weiß hervor. Sie merkt es nicht. Für diesen Moment ist sie hier. Was danach kommt, ist so oft geschehen, das lässige Lächeln der Gewinners, das bedauernde der Verlierers, das höfliche Zunicken und der stille Neid gegenüber denjenigen, welche mit wesentlich höheren Spielmarkentürmchen rangieren. Aber dieser Moment, bevor die Kugel fällt, um den geht es.

1-12, 13-24, 25-36?

Die Kugel rollt, beinahe mit der gleichen Gschwindigkeit wie die Scheibe, kommt von außen, nähert sich immer weiter, es kann sich nur zwischen wenigen Zahlen entscheiden, gleich bleibt sie liegen.

Pupillen weiten sich. Noch mehr. Herz rast. Atmen – später. Zungenspitze, am Mundwinkel. Wird feucht. Kiefer starr. Speichel, läuft einfach weiter. Kein Anstand. Maske abgelegt. Jetzt! Fiebern. Speichel tropft, egal. Jetzt! Besser später. Hinauszögern. Zeit anhalten, nichts anderes mehr machen. Sterben, auf der Stelle. Es geht nicht ums Gewinnen. Spielen, fiebern.

Vorbei.