Frauenkirchen-Mania

Überall stößt man darauf, auf diese große Kuppel im Herzen von Dresden. Ich fühle mich als Dresdner da schon irgendwie betroffen, schließlich bin ich oft an der Baustelle vorbei gelaufen. Und als im letzten Winter die Aussichtsplattform freigegeben wurde, zahlte ich die 5 Euro und sah mir Dresden von diesem ganz besonderen Ort aus an. Schöne Fotos machte ich, der Elbbogen links und der Elbbogen rechts. Links stand noch ein anderer Fotograf im Weg, weshalb ich den rechten Elbbogen mehr mag.

Aber dennoch, irgendwann reicht’s einfach. Und was bei der Eröffnung abging, grenzt schon an einen Kult, wie er bisher nur beim Lenin-Mausoleum in Moskau oder den Uffizien in Florenz anzutreffen war. Tausende Menschen stehen an, nehmen Stunden in der Kälte auf sich, um einen Blick ins Kircheninnere werfen zu dürfen.

Bei einem Telefonat mit Kristina erfuhr ich noch ein paar weitere schockierende Einzelheiten. In der Eröffnungsnacht harrten Hunderte Leute in Schlafsäcken aus, um dann die Ersten zu sein. Eine bunte Sammlung von Globetrotter-Mumien pflasterte den Weg zum neuen sächsischen Heiligtum. Und ich bin hier in Zürich, weit weg von diesem ganzen Rummel.

Aber das ist vielleicht ganz gut so, solche touristischen Attraktionen sind ohnehin nicht für Anwohner gedacht, eher für Busladungen von ergriffenen Touristen aus aller Welt, die sich – noch immer ergriffen – ein Frauenkirchen-Shirt oder eine Frauenkirchen-Tasse oder was auch immer kaufen. Als Erinnerung. Kristina meinte, die Frauenkirche wäre ein Pop-Denkmal (oder so ähnlich), und das passt schon ganz gut. Aber im Grunde war das doch klar, die Wandlung des dunklen Trümmerberges, des abstoßenden Mahnmals zum lichteren Wohlfühl-Ort, an dem nur gefaltete Broschüren in 27 Sprachen an die Grauen jener Bombennächte erinnern. Und das auch nur ganz kurz und dezent zum Beginn, um dann auf die Versöhnung, die Spendenbereitschaft aus aller Welt und die paar übriggebliebenen dunklen Steine in der sandsteinlichten Wand zu verweisen.

Aber ein bisschen ergriffen bin ich doch. Ist ja schließlich meine Stadt, die da in aller Munde ist. So ein kleiner lokaler sächsischer Stolz glüht dann doch auf und vielleicht wird ja auch alles gar nicht so schlimm, vielleicht kann ja auch ich mal einen Blick in die Kirche wagen, der tollen Orgel zuhören und einfach nur ergriffen sein.