Morgenstimmung

Ein verregneter Sonntag hat begonnen. Das allmorgendliche Ritual des Fensterladen-Zurückklappens gab mir einen Blick auf grauen Himmel und umwölkte Bergketten frei. Kein guter Tag zum Draußensein, zudem regnet es noch. Auch das ist Zürich.

Die Glocke der Kirche ist längst verklungen, direkt gegenüber, vielleicht hundert Meter von mir, wird die heilige Messe gefeiert. Es ist schon ironisch, dass die katholische Kirche mir jetzt plötzlich so nahe ist. Dabei ist dieses Exemplar, was ich mit einer Kopfdrehung nach rechts so unmittelbar vor mir sehe, ein sehr schönes. In den 70ern entstanden, klare Formen außen, mit einem spitzen Turm, so spitz, als wolle er den Himmel aufspießen. Innen Holzvertäfelung – wunderbare Atmosphäre, es knackt und arbeitet ständig, wirkt lebendig, schlicht und spartanisch. Der Vorhof ein Fünfeck, mit dem Turm an einer Seite, gegenüber vom Eingang, ist doch kein regelmäßiges, die beiden Seiten scheinen parallel.

Was mache ich heute? Auf meiner Tafel hatte ich gestern vier Sachen notiert, alle sind sie geschafft, abgehakt. Der Flug nach Berlin und zurück ist gebucht, damit wären die logistischen Rahmenbedingungen für Weihnachten gesetzt. Und im November bin ich mal wieder in Dresden, die CityNightLine-Tickets hängen an der Pinn-Wand. Ein Buch habe ich noch beendet: “Das Buch des Vaters” von Urs Widmer. Es wird Thema nächsten Dienstag sein, im Literaturzirkel. Zum ersten Mal gehe ich dort hin, in der Hoffnung, Menschen zu finden, mit denen ich mich über Literatur und ähnlich künstlerische Dinge unterhalten kann. Ein Ausgleich zur Technik, die mich sonst immer umgibt. Die AVETH-Homepage zieren jetzt auch zwei Texte von mir, zu relativ aktuellen Themen, welche die Doktoranden der ETH betreffen.

Das gibt Raum. Raum für Klavierspielen, vielleicht gehe ich auch in irgendein Museum, mir eine Ausstellung anschauen. Es gibt was über Adalbert Stifter. Kenne ihn sonst nicht, habe nichts von ihm gelesen. Naja, eine weitere intellektuelle Insel mit Verbindungen zu anderen Inseln. Ich fühle mich ein wenig träge. Was bedeutet Entspannung? Einfach nichts tun? Kann ich mir schlecht vorstellen, einfach nur da zu sitzen.