Kletterwand Engelberg

Schwarz-weiß gestreift erhebt sich die Kletterwand vor mir. Überall turnen winzige Gestalten herum, hängen in akrobatischen Stellungen an der Wand. Die Wand hängt überall, ganz oben ist ein Dach. Es gibt hier keine leichten Wege. Französische Skala, die Wege klingen leichter. Eine französische 6a ist eine sächsische 7c. Wir klettern im hohen 6er-Bereich. Zu schwer für mich.

Ich rutsche, falle wieder ins Seil. Verdammt. Wie machen das die anderen? Ich habe keine Kraft. Und zu große Kletterschuhe, kann auf diesem Gestein einfach nicht stehen. Es ist so glitschig, ohne Magnesia kommt man überhaupt nicht voran. Alle haben diese Beutel am Gurt hängen. Und langen gelegentlich mit so einer ausholenden, eleganten Bewegung hinein. Hängen am langen Arm, um den Stoff, abgepackt in durchsichtigen Plastikbeuteln wie Heroin, zu kriegen. Sie sind abhängig, hängen mit Magnesia am Griff.

Verboten. Im Elbsandstein ist Magnesia verboten. Und man legt Schlingen. Eine andere Art zu klettern. Irgendwie netter, ursprünglicher. Sandstein ist empfindlich.

Meine Finger tun weh. Zum dritten Mal versuche ich mein Glück. Wieder dieser an sich nette Griff, wieder die gleiche Stelle an den Fingern, in die sich die scharfe Kante eindrückt. Wieder komme ich vorbei, zum nächsten Griff und scheitere dann erneut bei dem Versuch, mich an diesem kleinen Griff hochzuziehen. Ich gebe eine traurige Figur. Kein schöner Anblick.

Ich fotografiere. Leute am Fels, sie bilden gerade ein schönes Viereck. Der obere ruht sich aus,

seine Beine sind abgespreizt, die Arme hängen herunter. Die anderen klettern. Licht von der Seite. Komposition beachten. Falsches Objektiv, wechseln. Leute am Fels, abseilende Leute, eine Blume, ein Hund.

Ein großer Hund kommt mit einem Stock im Maul angerannt. Er knurrt. Eine Frau neben mir meint im schönsten Schweizerdeutsch, der Hund sei ganz lieb. Ich glaube ihr nicht, zeige aber meine Angst nicht. Ich bin entspannt, oder tue ich nur so? Manchmal kann ich keine klare Grenze finden, Spiel oder Realität. Maske der Entspanntheit, sie sitzt gut, wirkt nach innen. Sitzt wie angegossen, passt sich an die Erhöhungen und Vertiefungen an.

Ein schönes Tal. Wir fahren seit einer reichlichen Stunde, Berge links und rechts. Müdigkeit. Ich werde meistens müde im Auto, mein Gehirn schaltet einfach ab, wenn es eine Weile nichts zu tun hat. Aber schöne Landschaft. Wir fahren durch Dörfer. Immer wieder Kreisverkehre.

Raphi rutscht ab, er pendelt raus, in meine Richtung, dreht einen Kreis um mich. Ich finde das lustig. Er weniger, er meint, ich soll endlich Seil nachlassen, damit er auf den Boden kommt. Überhaupt, immer diese Top-Rope-Sicherung. Ich bin das nicht gewöhnt, im Sächsischen ist das Blasphemie, zerstört den Fels. Sandstein ist empfindlich.

Ich habe Hunger. Was, wenn ich einfach nichts esse? Den Hunger wachsen lasse, bis er mich ganz erfüllt. Von ihm erfasst werde, zum Kühlschrank gezogen werde mit riesiger Kraft. Etwas Süßes esse. Vielleicht die Tafel Schokolade, oder einen Joghurt.