Ostern in Blacksburg

Im Gegensatz zu Deutschland und den meisten anderen mir bekannten Ländern gibt es hier in den USA keine Feiertage zu Ostern. Eingebettet in zwei ganz normale Arbeitswochen gibt es halt das Wochenende, welches dann entsprechend der Familientradition begangen wird. Viele Menschen zieht es in eine der zahlreichen Kirchen, angeblich sollen bis zu 50 Prozent der US-amerikanischen Bevölkerung zu Ostern den Weg zum Gottesdienst finden. Der Ostersonntag ist dann auch entsprechend der Höhepunkt aller Feierlichkeiten.

Um ca. 12 Uhr Mittag brachte mein Mitbewohner Reimund zwei kunstvoll bemalte Eier herein, die er vor unserer Tür gefunden hatte. Eine nähere Inspektion ergab, dass es sich um echte Hühnereier handelte, welche ausgeblasen, bemalt, mit Süßwaren gefüllt und kunstvoll verpackt worden waren. Ein Ostergruß befand sich am Tatort, wobei beide Namen richtig geschrieben waren. Als ich um ca. 14 Uhr Ortszeit zu Michael ging, um mich zum Ostereier-Suchen zu treffen, wurde mir klar, dass es sich nicht um einen Einzelfall handelte. An Michael’s Tür hingen zwei ähnlich gefertigte Eier, für ihn und seine Mitbewohnerin Olyssa. Auch Simone, eine aus Brasilien stammende Studentin, die sich zum Ostereier-Verstecken und -Suchen eingefunden hatte, berichtete von einem ähnlichen Vorfall. Die Ungeheuerlichkeit, Präzision und Kunstfertigkeit dieser anscheinend zusammenhängenden Vorfälle weckte unsere Neugier, so dass wir die nächste halbe Stunde eine Art Täter-Profil erstellten.

Die Person muss uns allesamt kennen und dazu auch noch wissen, wo Simone wohnt. Denn bei der großen Anzahl Studentenwohnheimen ist es nur mit dem erforderlichen Spezialwissen möglich, ihre Tür zu finden. Desweiteres deuteten gewisse Hinweise auf den Gruß-Zetteln auf eine weibliche Amerikanerin, da die Handschrift sehr ordentlich und das Und-Zeichen in der amerikanischen Version ausgeführt war. Auch eine ausgeprägte Neigung zum Basteln, farbigen Gestalten und Leute-Überraschen stellten wir als wesentliches Charakter-Merkmal fest. Verschiedene in Frage kommende Personen werden ohne Zweifel in nächster Zeit anhand von Fingerabdrücken, DNA-Spuren oder ähnlichen Merkmalen identifiziert werden. Dann herrscht endlich Gewissheit, wem diese ungeheuerliche Tat zuzuschreiben ist!

Nach der Erstellung des Täter-Profils machten wir uns dann auf in Richtung Brown-Farm, wo wir der kindischen und heidnischen Tradition des Eier-Versteckens und -Wiederfindens frönen wollten. Jeder hatte einige Eier besorgt, die es zu verstecken galt. Wir wählten unterschiedliche Gebiete und grasten sie dann gemeinsam ab (ohne den Verstecker). Ich hatte in meiner ausgeprägten Liebe zur Natur Öko-Eier besorgt, sechs davon gekocht und mit lustigen Gesichtern bemalt. Ich wählte recht einfache Verstecke und war dann doch überrascht, wie lange Mischa und Simone suchten, bis alle sechs Eier gefunden waren.

Mischas Verstecke waren eine Spur schwieriger, erst extensive Hinweise brachten uns auf die Spur aller zehn gefüllten Schokoladen-Eier. Er hatte stellenweise Eier mit Laub zugedeckt, in Höhlungen mit Spänen zugedeckt und sonstige fiese Tricks gebraucht, um uns auf die Folter zu spannen. Naja, dafür schmeckten die – im Übrigen äußerst ungesunden und Karies-fördernden – Eier dann entsprechend gut.

Die Krönung waren dann Simones 72 (!) mit Süßwaren gefüllte Plastik-Eier. Recht viele konnten wir schnell finden, jedoch waren etliche im Gras versteckt, was mich schon auf die Dauer etwas deprimiert hat. Man läuft Schritt für Schritt durchs Gras und findet dann doch nichts. Am Ende gaben wir dann auf, obwohl noch ca. 8 Eier nicht aufgefunden worden waren. Aber selbst Simone konnte sie nicht mehr finden, und die Zeit drängte.

Auf jeden Fall weiß ich jetzt, wie ich meine Kinder später mal zur Verzweiflung treiben kann!

Reimunds Gasteltern luden mich freundlicherweise zum Oster-Essen (easter dinner) ein. Im großzügig angelegten Haus der Großeltern saßen wir am langen Tisch und genossen Schinken mit Honigkruste, Spargel, überbackene Kartoffelscheiben, frisch gebackene Brötchen, Fruchtkompott und selbstgebackenen Rhabarber-Kuchen mit Vanille-Eis. Die Leute waren alle total freundlich und offen, bevor wir anfingen, wurden wir alle gefragt, wie wir Ostern vor einem Jahr verbracht hätten. Die meisten waren in Blacksburg gewesen, Reimund und ich bildeten da die exotischen Ausnahmen. Ich dachte ursprünglich, dass ich Ostern mit meiner Familie (oder Teilen davon) in Dresden verbracht hätte, jedoch ergab eine Recherche im Palm, dass ich zu dieser Zeit in Südafrika war. Entweder an der Wild Coast oder in den Drakensbergen – da bin ich nicht hundertprozentig sicher. Tja, ein Jahr. Und vieles liegt zwischen diesen beiden Osterfesten…

Das Gespräch gestaltete sich dann ganz lustig, was auch durch zwei Chinesen (ehemalige Gasteltern-Beziehung) verursacht wurde. So konnten wir munter allerlei Aspekte verschiedener Staats-Systeme vergleichen. Wohl gefüllt verließ ich dann später mit Reimund das Haus und kullerte heimwärts.