Lies langsam!

“Verdammt!” ruft der zornig dreinblickende Bibliothekar Anton Litter, der am Steuer seines Opel Corsa gerade wieder die Ampel am Wasaplatz auf Rot springen sieht. Müssen denn gerade heute am Weihnachtsabend so viele Idioten unterwegs sein? Er schaltet das Autoradio aus, denn die Musik nervt einfach. Mit seinen Fäusten trommelt er aufs Lenkrad.

Dabei wollte er nur mal kurz in die Bibliothek fahren, denn er hatte dort vor zwei Tagen einen wichtigen Brief vergessen. Seine Freundin hatte mit ihm schlussgemacht. Das war an sich nichts schlimmes, denn er hatte es ohnehin noch nie länger als einige Wochen mit ein und derselben Frau ausgehalten. Doch einige Details, die sie in ihrem Brief an ihn enthüllte, waren keineswegs für die Allgemeinheit bestimmt, und dummerweise hatte er diesen Brief in den Papierkorb geschmissen, anstatt ihn wie üblich zu verbrennen. Deswegen also dieser kleine weihnachtliche Ausflug. Außerdem wollte er sowieso zur Weihnachtsfeier…

Doch nun das hier. Endlich springt die Ampel auf Grün und es kann weitergehen. Mit Vollgas rast Anton die Caspar-David-Friedrich-Straße hinauf, erst am Fritz-Förster-Platz bremst er vor der nächsten roten Ampel mit quietschenden Reifen. Ein Blick auf die Uhr zeigt ihm, dass es verdammt knapp wird, denn in ein paar Minuten wollen die Damen und Herren der BibliotheksBelegschaft ihre WeihnachtsFeier beginnen. Und das dummerweise im LeseSaal seiner Bibliothek. Er ist auch eingeladen, doch bevor sich die großen Massen eingefunden haben, soll sein kleiner Auftrag erledigt sein. Natürlich hätte er eher losfahren können, doch leider war ihm das ganze Ausmaß der Katastrophe erst viel zu spät aufgegangen.

Endlich biegt Anton in die Einfahrt. Ein Blick auf den Parkplatz lässt ihn erschauern: schon viel zu viele Autos stehen dort, und wohlbekannte Kollegen schlendern in Richtung Bibliotheksgebäude. Na gut, dann heißt es eben abwarten. Scheinbar gleichgültig mischt er sich unter die Kollegen und beteiligt sich am allgemeinen Gespräch.

Der LeseSaal ist festlich hergerichtet für diesen besonderen Anlass. Überall auf den sonst kargen Tischen liegen schmucke WeihnachtsDeckchen, für die Anton nur ein müdes Lächeln übrig hat. Unmengen von Stollen und sonstigen Köstlichkeiten stehen herum, auch GlühWein und Kaffee werden angeboten. Anton hat für diese ganze Festlichkeit einfach keinen Sinn, so schnell wie möglich versucht er einen passenden Moment zu erhaschen, um sich unauffällig in Richtung ZielPapierKorb zu bewegen. Dieser Moment scheint gekommen, als sich das allgemeine Interesse plötzlich Richtung Eingang wendet. Blitzschnell ist Anton am MüllBehälter, nach einem kurzen spähenden Blick in alle Richtungen bückt er sich und durchwühlt ihn gründlich. Ja, da ist ja auch schon der Brief! Schnell in die JacketTasche gesteckt, Ordnung wiederhergestellt und nichts wie zurück.

Währenddessen betreten fünf bis an die Zähne bewaffnete Gestalten das BibliotheksGebäude. Voller Schrecken versuchen die Insassen, die Tür zu verriegeln und die Polizei zu rufen, doch die vorgehaltenen Waffen und einige WarnSchüsse zur Decke lassen sie von solchen Aktionen schnell Abstand nehmen. In kurzer Zeit haben die Terroristen alle wichtigen Punkte der Bibliothek besetzt und alle Leute im LeseSaal zusammengedrängt. Zwei der Eindringlinge bewachen sie, in ihren Händen haben sie halbautomatische Waffen. Vorne an den drei ComputerArbeitsPlätzen macht sich ein ComputerFachmann indessen an die Arbeit. Der Chef der Gruppe steht neben ihm. “Und dass du mir ja mein GebührenKonto mit löschst! Und alle Ausleihen auf unbegrenzt stellen! Danach kannst du dann die Transaktion starten.” Der übergewichtige InformatikStudent hackt drauflos. “Okay, kein Problem. Ich muss nur noch schnell Unix installieren. Mit diesem Windows-Mist kann ich nicht arbeiten.” Er schiebt eine Diskette in das Laufwerk und fährt mit seinen uns NormalMenschen unverständlichen Aktionen fort, dabei ständig magische BeschwörungsFormeln murmelnd.

Von den Schüssen ist Anton natürlich ziemlich erschreckt worden. Durch die nur einen Spalt geöffnete Tür des LeseSaales sieht er die beiden Bewaffneten auf und ab gehen. Dann kommen der Anführer und ein weiterer Bewaffneter in den großen Raum hinein.

“Alle mal herhören!” schreit der Boss. “Wenn ihr euch ruhig verhaltet, wird euch kein Haar gekrümmt werden. Doch wenn jemand sich einbildet, den Helden spielen zu müssen, wird er dieses Haus horizontal verlassen!” Mit schreckgeweiteten Augen steht die Belegschaft da. Mancher hat sich noch ein Stück Stollen gesichert, dass er jetzt im Hintergrund schnell hineinwürgt – man weiß ja nie, wie lange so eine GeiselNahme dauern kann.

“Los, du durchsuchst die Räume da hinten!” befiehlt der Anführer einem Gefolgsmann. Der kommt dann auch, die Pistole fachmännisch mit beiden Händen nach oben richtend, auf die Tür zu, hinter der Anton sich befindet.

“Und wenn du jemanden siehst, knall ihn ab! Wir bleiben über die Walkie-Talkies in Verbindung.” – “Geht klar!” Mit einem kräftigen Tritt stößt unser PistolenMann die Tür auf und schaut in den Raum. Keiner zu sehen. Dahinter verläuft ein Gang mit weiteren Zimmern. Die ersten beiden sind leer. Doch dann nähert er sich dem Raum, der mit “Gruppe Z-Elektrotechnik” betitelt ist. Kaum hat er ihn betreten, als auf ihn ein riesiges Buch niederschmettert: “Grundlagen der Feldtheorie” von W. Schwarz. Mit einer flinken Bewegung hat Anton die Pistole an sich gerissen. Der Ganove liegt am Boden. Vorsichtig fühlt Anton den Puls, dabei die Pistole im Anschlag.

Nach kurzen Testen sagt Anton: “Tja, ich würde sagen, die Feldtheorie war zuviel für dich! Aber kleiner Trost: ich hatte damit auch so meine Probleme während des Studiums.”

Als nächstes fällt ihm der Walkie-Talkie ins Auge, den er dann auch schnell an sich nimmt, schließlich ist es immer ratsam, die Kommunikation der Gegner zu verfolgen. Vielleicht kann man damit ja auch Hilfe rufen. Aufmerksam studiert er das Gerät, bis ihm die SchalterStellung “PolizeiFunk” ins Auge fällt. Doch bevor er seinen HilfeRuf sendet, muss er sich natürlich nach einer Möglichkeit umsehen, den dann heranstürmenden Terroristen zu entkommen. Die Flucht aus dem Fenster ist zu gefährlich, denn zu leicht kann man ihn sehen und mit einem gezielten Schuss zur Strecke bringen. Und dass die Eindringlinge die Umgebung im Auge behalten, ist auch mehr als wahrscheinlich.

Für die Eingeschlossenen beginnt nun langsam eine etwas unangenehmere Zeit. Denn die ganze Aktion zieht sich doch ein wenig in die Länge und neben den drückenden Blasen sind es vor allem die drückenden Gedanken, welche das Leben der Geiseln überschatten. Es liegt eine ungeheure Nervosität in der Luft, während draußen langsam einige Schneeflocken zu Boden schweben, deutlich sichtbar durch die großen Fenster des Lesesaales.

Der Verursacher des Schlamassels ist indessen damit beschäftigt, die Computeraktion zu überwachen. Er ist leicht beunruhigt, da sich sein Mann noch nicht zurückgemeldet hat. Aber so ist es nun mal, wenn man ständig mit Amateuren zusammenarbeiten muss. Doch als auch der zehnte Versuch scheitert, mit seinem Gefolgsmann in Verbindung zu treten, wird er langsam nervös und entschließt sich, der Sache auf den Grund zu gehen. Oder besser, der Sache auf den Grund gehen zu lassen.

Just in diesem Moment kommt einer der beiden GeiselBewacher mit untypisch schnellem Schritt herangelaufen. In der Hand hält er seinen Walkie-Talkie. “Da ruft jemand die Bullen! Gerade habe ich die Frequenzen durchgecheckt, da bemerke ich, dass jemand auf der PolizeiFrequenz HilfeRufe losschickt.” – “Okay, nimm dir noch einen Mann und bereite dem Spuk ein Ende! Und macht schnell!”

Zwei grimmig aussehende Männer durchlaufen mit weit ausgreifenden Schritten den LeseSaal und sind alsbald im angrenzenden Raum verschwunden. Dahinter befindet sich der Gang. Vorsichtig werfen sie einen Blick durch die Tür, worauf sie mit ein paar Schüssen empfangen werden. Also entschließen sie sich, lieber die angrenzenden Zimmer zu durchsuchen. Schritt für Schritt und in bewährter, sich gegenseitig absichernder Methode kommen sie voran. Wieder schauen sie auf den Gang. Sofort eine Salve von Schüssen. Doch weiter vor geht es nicht. “Er steht da vorne links. Wir müssen auf die andere Seite. Gib du mir Feuerschutz!” Nach einem professionellen Fingercountdown springt er über den Gang, während der andere unablässig aber blind feuert. “Okay, ich komme nach!”

Kurze Zeit später sind beide drüben im nächsten Zimmer. Dieses schiebt sich nun etwas weiter vor. Vorsichtig lugen sie um das Bücherregal herum. Doch da fallen wieder Schüsse, die sie zwingen in Deckung zu gehen. Plötzlich stürzt das Bücherregal um und begräbt beide unter sich. Tonnen von schwergewichtigen Mathematikwälzern lassen jede Hoffnung auf ein Entkommen als blanke Illusion erscheinen.

“Und ich dachte immer, dass Technische Mechanik ein überflüssiges Fach wäre.” kommentiert Tony, der den Faden noch in der Hand hält, mit dem er das Bücherregal über ein ausgetüfteltes Flaschenzugsystem zum Umstürzen brachte. Auch der Kassettenrekorder mit den Schüssen, der mit einem Bewegungsmeldungssystem gekoppelt ist, hat sich als zweckmäßig erwiesen.

Inzwischen ist die Transaktion beendet, selbstzufrieden lächelt der Informatiker. “Muss bloß noch schnell meine Spuren verwischen, also die Festplatten formatieren. Die werden niemals rauskriegen, von wo aus ich diesen Coup gelandet habe!” – “Wie lange brauchst du noch?” – “Vielleicht zwanzig Minuten.” Nervös kaut der Oberfiesling auf seinen Fingernägeln. Dann ergreift er selbstbewusst seinen Walkie-Talkie und verkündet: “Abflug in 15 Minuten.”

In diesem Moment wird die BrandschutzTür, die zum LeseSaal führt, eingetreten. Der übriggebliebene Bewaffnete richtet sofort seine Pistole auf die TürÖffnung und feuert. Doch in diesem Augenblick fliegt Tony, an einem Seil hängend, durchs Fenster und erlegt den Bösewicht durch einen gezielten Schuss von hinten. “Tja, Fernsteuerungssysteme. Unheimlich praktisch!” Schon wollen ihm die nunmehr befreiten Geiseln alle gleichzeitig um den Hals fallen, da winkt er lässig ab und meint: “Noch ist nicht alles in Butter. Zwei sind noch übrig.”

Mit diesen Worten sprintet er leichtfüßig Richtung Ausgang.

Nachdem nun also die Lage immer brenzliger wird, entschließen sich unsere beiden verbliebenen Fieslinge zur Flucht. Draußen wartet natürlich auch schon das Fluchtauto. Doch durch die Kälte will es nicht so recht anspringen. Da kommt auch schon Tony angewetzt. Sofort lässt der Boss das Fenster herunter und feuert, doch da hat sich Tony schon unter das Auto geworfen. “Nun mach schon! Die Ratte ist unter uns!” brüllt unsere verzweifelter Oberganove. Endlich springt das Auto an und mit aufheulendem Motor setzt es sich ruckartig in Bewegung. Zufrieden grinsen die beiden.

Etwas lädiert und mit schmerzverzerrtem Gesicht erhebt sich Tony und betrachtet die Reifenspur auf seiner Hand und die Benzinspur, die sich durch ein Loch im Tank bildet, das er schnell noch anbringen konnte. Ein Streichholz entzündet er und lässt es mit Seelenruhe auf die Benzinspur fallen. Immer näher kommt die Flamme dem davonjagenden Auto, bis sie es erreicht und der PKW von einer gewaltigen Explosion zerfetzt wird.

“Ihr stört mich nie wieder beim Lesen!”