Rache

Ich holte tief Luft und öffnete meine Augen wieder, denn das, was ich soeben bemerkt hatte, konnte einfach nicht wahr sein. Doch unverändert erschien auf dem Bildschirm die Zeile mit Franks Email-Adresse. Vor wenigen Minuten hatte ich herausgefunden, wie man die Mail-Weiterleitungsfunktion des Uni-Systems benutzt. Für mich Unix-Nichtkönner fast ein Ding der Unmöglichkeit. Diese Funktion ist äußerst praktisch, wenn man z.B. bei GMX alle Mails abrufen möchte. Doch das klappt natürlich nur dann, wenn da auch die eigene GMX-Adresse eingetragen ist. Und das war anscheinend nicht mehr der Fall. Denn da stand, groß und deutlich, die „Anschrift“ von Frank.

Einige Wochen zuvor hatte er, der bis vor 10 Sekunden mein bester Freund Frank war, mir alles eingerichtet, was mit Mailfunktionen zu tun hat. Schließlich kannte er sich mit Unix aus, und ich nicht. Freundlich und hilfsbereit, wie er immer war, hatte er mir angeboten, diesen für mich schwierigen Part zu übernehmen. Und vor meinen Augen richtete er die Weiterleitung meiner Mails an meine angestammte Adresse ein. Langsam versuchte ich, nachzuvollziehen, wie er mein Passwort herausgefunden haben könnte. Aber schließlich gibt es da enorm viele Möglichkeiten, schon in der Schule hatte er im Computerkabinett so manchen Code mit computertechnischer Raffinesse geknackt. Und nicht zuletzt hatte ich Idiot es ja vor seinen Augen eingetippt, denn niemals wäre es mir in den Sinn gekommen, dass er dieses in ihn gesetzte Vertrauen missbrauchen könnte. Jetzt erinnerte ich mich auch an seine Bemerkung, wie viel zweckmäßiger es sei, all den Leuten, die man halt am Anfang des Studiums kennen lernt, die Uni-Adresse mitzuteilen, da sie einfach mit dem normalen Namen gebildet werden kann. Zum Glück hatte ich den Betrug rechtzeitig bemerkt, nicht auszudenken, wenn er über all die Jahre in meine Privatsphäre einen so tiefen Einblick hätte haben können.

Natürlich musste ich sofort meine richtige Adresse eintippen. Doch jetzt offenbarte Unix seine Tücken! Denn so einfach und selbstverständlich wie mit Word klappte das nicht. Ich testete alle möglichen Tastenkombinationen, die einzige funktionierende schmiss mich aus dem Programm raus. Da saß ich also mutterseelenallein und konnte nichts machen, außer die Lösung des Problems auf später vertagen. Oder gab es vielleicht eine andere Möglichkeit, mich an ihm gründlich zu rächen? Denn wenn er einmal mein Passwort wusste, konnte er sicherlich immer wieder meine Änderung rückgängig machen. Auch das Wechseln des Wortes stellte für ihn keine ernsthafte Bedrohung dar. Gut konnte ich mich daran erinnern, wie er mit schwärmerischem Ton in seiner Stimme erzählt hatte, dass man durch kleine Tastaturabfragungsprogramme jede Passwortänderung mitkriegen kann. Damals hatte ich gelacht. Heute war mir danach absolut nicht zumute. Aber schon morgen würde ich ihn zur Rechenschaft ziehen, sein frevelhaftes Verhalten in alle Welt hinausposaunen. Nie wieder sollte ihm jemand Vertrauen schenken. Mit dieser Gewissheit fuhr ich nach Hause, ich konnte sogar vor dem Spiegel wieder ein wenig lächeln.

Da ich abends lange Zeit nicht einschlafen konnte, malte ich mir in allen Einzelheiten aus, wie das morgige Strafgericht ablaufen würde. Plötzlich keimte ein zweifelnder Gedanke auf, wuchs immer mehr, bis er von mir vollständig Besitz ergriffen hatte. Was, wenn man mir keinen Glauben schenken würde? Oder – noch schlimmer – wenn man das ganze einfach lustig finden und mich auslachen würde. Schrecklich, diese Vorstellung. Gab es denn keinen anderen Weg, einen, der nur ihn ganz allein bestrafte? Langsam kam mir eine Idee, reifte immer weiter aus, bis ich am Ende einen wahrhaft teuflischen Plan ausgeheckt hatte. Da alle meine Mails noch zu ihm umgeleitet wurden, und ich dies aus eigener Kraft nicht ändern konnte, blieb mir nichts anderes übrig, als diese vermeintliche Schwäche in eine Stärke umzuwandeln. Mit einem breiten Lächeln auf den Lippen sank ich ins Reich des Schlafes.

Am nächsten Morgen zur Mathevorlesung sah ich ihn wieder. Oh, wie er grinste, dieser erbärmliche Schuft! Als wollte er mich herausfordern. Doch ich bewahrte meine Gelassenheit und lächelte zurück, wie ich es gestern auch getan hatte. Er setzte sich sogar neben mich in seiner ungeheuren Dreistigkeit. Aber er wusste ja nicht, dass ich ihn durchschaut hatte. Also plauderten wir über nebensächliche Dinge und konzentrierten uns dann mehr oder weniger auf die Vorlesung.

Dann in der Pause, während wir zu einem anderen Bau marschierten, hatte ich eine taktische Meisterleistung zu vollbringen. Denn mein Pan sah vor, dass ich mit einer imaginären Freundin (sich bei GMX die entsprechende Adresse zu besorgen, ist ja kein Problem) intensiven Mailkontakt pflegte, der dann natürlich über ihn ginge. Also redete ich mit schwärmerischen Ton von einem Mädchen, das ich am Wochenende kennengelernt hätte. Da solche Themen stets weit offene Ohren finden, genügten einige kleine Andeutungen, bis er Blut geleckt hatte. Sofort wollte er wissen, wie sie aussah, wie sie hieß und so weiter. Ich hielt mich bedeckt, was seine Neugier natürlich noch mehr anstachelte. Und dann erwähnte ich beiläufig, dass wir unsere Mail-Adressen ausgetauscht hätten. Wie ich erwartet hatte, blitzte es in seinen Augen auf, zwar nur für den Bruchteil einer Sekunde, aber ich kannte ihn lange genug, um auch derartige Dinge zu sehen. Sofort hatte er sich unter Kontrolle, lächelte freundlich und wünschte mir viel Glück.

Abends ging ich dann daran, die erste Mail zu entwerfen. Das war natürlich nicht so einfach, wie man denkt, denn woher sollte ich denn wissen, wie ein Mädchen schreibt? Und vielleicht genügte ja schon ein kleiner Fehler, eine Unaufmerksamkeit, um all das erarbeitete wie ein Kartenhaus in sich zusammenstürzen zu lassen. Aber bestimmt nahm ich diese Gefahr auch zu ernst. Also, frisch ans Werk und losgeschrieben. Nachdem ich einen Einstieg gefunden hatte, bereitete mir das Schreiben auch keine weiteren Probleme. Natürlich musste ich mich bemühen, nicht in meinen berühmt-berüchtigten komplizierten und geschraubten Stil zurückzufallen. Also machte ich die ganze Mail auch nicht all zu lang, schließlich war es ja auch die erste von ihr an mich. Ich konnte mir allerdings nicht verkneifen, am Ende mit einzubauen, wie furchtbar gerne sie mich wiedersehen wollte. Zufrieden mit meinem Werk, wählte ich “Senden” und lehnte mich behaglich zurück, während mit atemberaubender Geschwindigkeit einige wenige Kilobytes auf ihren langen Weg gingen. Nun malte ich mir aus, wie er auf diese Nachricht reagieren würde. Würde er wohl den Betrug bemerken? Aber wie sollte er auf diese Idee kommen? Also schloss ich diesen Tag optimistisch mit einem teuflischen Lachen ab.

Und so ging es dann immer weiter. Einerseits verfasste ich die Liebes-Mails, zusätzlich schmückte ich die dadurch vorgegebene Rahmenhandlung in unseren Gesprächen aus. Also soweit ich seine Reaktionen einschätzen konnte, fiel er voll und ganz auf mein Betrugsmanöver herein. Es war so schön, so befriedigend, diesen Fiesling in seiner Illusion zu belassen und noch zu bestärken.

Es gab natürlich auch einige unvorhergesehene Nebenwirkungen. Zum Beispiel konnte ich selbstverständlich meine anderen Kumpels nicht in diese Sache einweihen, zu groß wäre das Risiko des Verratens gewesen. Und so zog die Geschichte, dass ich eine Freundin hätte, gewisse Kreise, was natürlich einfach ärgerlich war, da so auch Unbeteiligte mit in die Sache hineingezogen wurden. Zum anderen lernte ich ein nettes Mädchen kennen, mit der ich mich wunderbar verstand. Nun, an sich ist das natürlich erfreulich, nur leider hatte sie einen anderen Namen als meine schon vorhandene, imaginäre Freundin. Und das bedeutete, dass ich natürlich keinesfalls weitere Schritte auf sie zu machen konnte. Stattdessen traf sie sich beängstigend oft mit Frank. Nach einigen Wochen wurden die beiden ein Paar, und ich kam mir recht bescheuert vor. Ganz besonders, als Frank mir überschwänglich dankte, denn ich hatte die beiden bekannt gemacht.

Aber noch war nicht aller Tage Abend. Denn das Ende meiner Rache sollte es in sich haben, ein fulminanter Schlussstrich musste her. Aber wie? Nun, auf irgend eine Weise musste ich meine Freundin loswerden, ohnehin kursierte schon das Gerücht, dass sie niemals Zeit für mich hätte und ich somit ziemlich arm dran wäre. Also, einfach Schlussmachen kam nicht in Frage, das wäre viel zu einfach und hätte keinerlei Wirkung. Aber da kam mir eine viel bessere Idee… Sofort setzte ich mich hin und verfasste eine Mail. Mit verzweifelten Worten ließ ich sie schreiben, dass unser letztes Treffen nicht ohne Folgen geblieben wäre, sie hätte da so ein komisches Gefühl gehabt und tatsächlich sei ein Schwangerschaftstest positiv verlaufen. Und wir sollten uns unbedingt treffen, um die weiteren Schritte zu besprechen. Mit diesen Worten ließ ich sie die Mail beenden und schickte mein Teufelswerk ab.

Am nächsten Tag machte ich einen niedergeschmetterten, verzweifelten Eindruck. Auf Franks Frage, was mir denn über die Leber gelaufen wäre, winkte ich nur müde ab. Er bemühte sich wirklich, etwas aus mir herauszukriegen, schließlich wusste er ja aufgrund seines verbrecherischen Tuns, welches Ausmaß mein Problem hatte, aber ich blieb hart. Schließlich war das ja nur die Vorbereitung auf den letzten und finalen Schritt, den Todesstreich sozusagen. Ich wartete noch einen Tag, dann verfasste ich eine weitere Mail von ihr. Was mir einfiele, sie in dieser Situation sitzen zu lassen. Sie wäre so verzweifelt, ob wir denn nicht noch einmal miteinander reden könnten. Gemeinsam hätten wir doch bisher immer eine Lösung gefunden. Ich schloss mit der Bitte um eine schnelle Antwort, da sie einfach mit der Situation überfordert wäre.

Meine Rolle für den kommenden Tag sah vor, dass ich relativ gefasst und optimistisch sein würde. Das konnte von Frank natürlich in viele Richtungen interpretiert werden, auf alle Fälle lag in seinem Blick Unverständnis und Ablehnung. Das war logisch, denn mein Handeln war ja nicht gerade moralisch einwandfrei gewesen und mit dem, was ich vorspielte, wusste er nichts anzufangen. Aber das lag alles innerhalb meines Plans. Immer lebhafter malte ich mir aus, wie der letzte Schritt meiner Rache verlaufen würde. Ich spürte immer dann, wenn ich daran dachte, dieses aufregende Kribbeln.

Und dann am Abend war es soweit: Die letzte, entscheidende Mail musste angegangen werden. Schon lange hatte ich mir überlegt, wie ich sie schreiben würde, hatte nach Beispielen in Romanen gesucht, jedes Wort sorgfältigst überlegt. Und dann schrieb ich. Krumm und nervös saß ich am Rechner, meine Beine krampfhaft um die Stuhlbeine geklammert. Mit weit ausholenden Bewegungen tänzelten meine Finger über die Tastatur, nach jedem Wort hob ich beide Hände etwas nach oben, um sie dann wieder zielgerichtet auf das Keyboard fallen zu lassen, um das nächste Wort einzumeißeln. Wie Aasgeier schwebten meine Hände über den Tasten, nur suchten sie nicht nach Fleisch, sondern nach passenden, vernichtenden Worten. Meine Augen waren starr und zusammengekniffen abwechselnd auf den Bildschirm und die Tastatur gerichtet, unruhig zitterten sie hin und her, ständig kontrollierend, überprüfend. Und dann stand es da, das Meisterwerk. Jedes Wort das Ergebnis langen Überlegens, Ringens zwischen mehreren Möglichkeiten, jeder Satz hin- und hergeschoben, bis das ganze optimal zusammenpasste. Um das Ende meiner Rache möglichst drastisch zu gestalten (krass musste es schon sein), hatte ich mich entschlossen, meine Geliebte Selbstmord begehen zu lassen. Und kurz vorher schrieb sie natürlich noch diesen Abschiedsbrief, in dem sie mir meine ganze Niederträchtigkeit, Gefühlskälte, Grausamkeit und Brutalität vorwarf. Ja, das waren Abgründe, die sich hier auftaten! Doch die eigentliche Pointe stand noch bevor. Denn nachdem die Mail bei mir angekommen war (was am gleichen Abend geschah, er war schon immer ziemlich schnell in dieser Hinsicht gewesen), hatte ich mir eine ganz besondere Rolle für den nächsten Tag überlegt.

Vor Freundlichkeit überschäumend, mit einem breiten Lächeln auf den Lippen begegnete ich dem nächsten Uni-Tag. Alle Kommilitonen, die ich dem Namen nach kannte, grüßte ich herzlich. Ich ignorierte die erstaunten Gesichter, denn von mir waren sie das seit langem nicht mehr gewohnt. Und besonders liebenswürdig hieß ich Frank willkommen, bevor er noch ein Wort von sich geben konnte, hatte ich ihn schon zum Mittagessen eingeladen. Und jetzt wartete ich auf seine Reaktion, schließlich musste er mich für ein Monster in Menschengestalt halten. Egal, wie er seine Verachtung mir gegenüber äußern würde, auf jeden Fall verlöre er Ansehen. Denn diese ausgestreckte Hand von mir vor allen wegzuschlagen wäre wirklich brutal, schließlich kannte er als einziger den „wahren“ Grund meiner Freude. Und er konnte ihn niemandem mitteilen! Ha! Es war so genial!

Er nahm an und bedankte sich fröhlich für mein Entgegenkommen. Ich hatte ihn also unterschätzt. Er konnte anscheinend vortrefflich seine Hassgefühle mir gegenüber hinter dieser Maske der Freundschaftlichkeit verbergen. Wie perfekt er diesen kameradschaftlichen Plauderton durchhielt, erstaunte mich über alle Maßen. Wir plauderten während der gesamten (auch noch wichtigen) Vorlesung. Dann fragte er mich, wie es meiner Freundin ginge. Also in diesem Moment verstand ich überhaupt nichts mehr, spielte er doppeltes Spiel und machte sich über die ganz Sache lustig? Oder hatte er die Mail nicht gelesen? Bevor ich in meinen Überlegungen fortfahren konnte, sagte er mir, dass er mir schon seit längerer Zeit etwas gestehen müsse. Beim Einrichten meines Mailaccounts hätte er aus Versehen eine falsche Weiterleitungsadresse benutzt, und daraufhin eine Mail, die an mich gerichtet war, empfangen. Aber er hätte das natürlich sofort korrigiert, mir die Mail zukommen lassen und die Weiterleitungsadresse richtig gestellt. Ich würde ihm das doch verzeihen?

Zeitraum: Nov 99 – Jan 00