Die Macht des Schweigens

Da saß ich nun inmitten meiner Freunde, also der Menschen, die mir am wichtigsten waren. Fröhlich redeten wir über dies und das, übertrieben das eine, zogen jenes ins Lächerliche, machten unsere Witze – über alles, was nicht niet- und nagelfest ist. Dann folgte nach einer weiteren Witzspirale (einer fing an, der nächste übertrieb maßlos, aber nicht genug, um vor einer nochmaligen Steigerung sicher zu sein, eine weitere funktionierte allerdings nicht mehr – das war allen klar) eine kleine Pause, alle schmunzelten vergnügt vor sich hin.

Dann erzählte Sebastian eine kleine Episode, David unterbrach ihn, da er zu diesem Thema etwas absolut wichtiges beizusteuern hatte, und so ging es fort – ein ganz normales Gespräch eben. Doch irgendetwas stimmte nicht. Etwas war unnatürlich, gekünstelt, fehl am Platz. Plötzlich wurde ich mir bewusst, dass ich lange Zeit nichts mehr gesagt hatte, dass es sozusagen an der Zeit wäre, einen Beitrag zu leisten. Aber was sollte ich denn bloß sagen? Wovon erzählen? Mir fiel nichts ein. Das allgemeine Thema ging weit an mir vorbei, es warf mir einen höhnischen Blick zu, eine kurzen, bevor es noch weiter von mir wegging. Das nächste bemerkte mich nicht einmal mehr, es ignorierte mich einfach.

Da wusste ich, was hier nicht stimmte. Ich selbst war es. Ein schrecklicher Abend. Mehrere male setzte ich an, überlegte es mir aber noch. Schließlich hielt ich es nicht mehr aus. Ich musste einfach etwas sagen, egal was und tat es. Um es möglichst geschickt zu machen, versuchte ich, ein neues Thema anzuschneiden, ich äußerte irgendetwas zur aktuellen Weltpolitik. Damit die anderen sich möglichst provoziert fühlten, nahm ich einen extrem linken Standpunkt ein, wie üblich. An den befremdeten Blicken, die kurz über mich streiften und sich blitzschnell wieder dem Vorredner zuwendeten, der in seinen Ausführungen fortfuhr, bemerkte ich, dass meine Bemühungen nicht gerade von Erfolg gekrönt waren. Betreten schwieg ich für den Rest des Abends, versuchte, ein glückliches Lächeln aufzusetzen, mich interessiert zu zeigen – am niederträchtigen allgemeinen Thema.

Die Abschiedsworte gingen mir dann wieder gut von den Lippen, abgesehen von einem leichten Stotterer zu Beginn. Aber tief in mir fühlte ich bohrende Zweifel, ob die netten Worte der anderen auch so gemeint waren. Oder dachten sie innerlich schon nach, ob sie mich beim nächsten mal wieder einladen würden? Meine Stellung innerhalb der Gruppe war ohnehin nicht gerade gefestigt, denn eine richtige, feste Freundschaft verband mich mit keinem von all den Leuten.

Auf dem Weg nach Hause versuchte ich, derartige Bedenken beiseite zu räumen, es auf einen einzelnen schlechten Abend zu schieben. Doch zu Hause, beim Gespräch mit meinem Vater, einem Gespräch, das in der Form eigentlich gar nicht stattfand („Hallo, wieder da?“ – „Ja, ja. War toll. Gute Nacht.“ – „Nacht.“ würde ich im nachhinein nicht als Gespräch bezeichnen…), wurde mir bewusst, dass es vielleicht eine ernstere Sache sein könnte.

Am nächsten Morgen scheiterte auch der Versuch, mit meinem Bruder, zu dem ich eigentlich immer ein recht gutes Verhältnis hatte, ein Gespräch anzuknüpfen. Vielleicht hätte ich mich zur nahenden Mathearbeit auch nicht ganz so intensiv, mitleidig-höhnisch äußern sollen (was einfach der Versuch war, ihn ein wenig zu provozieren, aus der Reserve zu locken), noch dazu angesichts der Tatsache, dass er in Mathematik nicht gerade ein As war. Nun ja, seine Antworten waren recht kurz und auch in keinster Weise dazu geeignet, das Gespräch fortzuführen. So saßen wir uns schweigend gegenüber und löffelten unsere Cornflakes.

Auf dem Weg zur Uni fiel mir das drückende Schweigen in der Straßenbahn auf. Alle Leute saßen halb oder ganz schlafend da und schwiegen.

Bei der Vorlesung grüßte ich meine Kumpels, aber es war nicht viel Zeit, noch eine Unterhaltung anzuknüpfen, denn der Professor betrat bereits den Saal. So setzte ich mich also auf den freien Randplatz (wollten sie mich zur Seite drängen?) und versuchte, der Vorlesung zu folgen. Plötzlich bemerkte ich, dass mein Nachbar mich etwas gefragt hatte. Ich schaute ihn mit nachdenklicher Miene an, und bat ihn, seine Frage zu wiederholen, aber er winkte einfach ab. Schulterzuckend wandte ich mich erneut der Vorlesung zu. Wieder so ein Nadelstich. In der Pause unterhielt ich mich noch ein wenig mit David, aber unser Gespräch wurde leider von Anne gestört, die festentschlossen David aufforderte, ihr doch noch diese eine Sache da zu erklären. Nachdem er mir einen entschuldigenden Blick zugeworfen hatte, den ich achselzuckend quittierte, war unser Zwiegespräch beendet und ich stand alleine da. Interessiert schaute ich mich um, ob denn nicht vielleicht noch eine Studentin ein fachliches Problem hätte, aber vergebens. So ging ich schweigend von dannen.

Pah! Wozu auch reden? Man kommt doch genauso gut, wenn nicht viel besser in dieser Welt zurecht, wenn man sie einfach keiner Worte bedenkt. So dachte ich und fühlte mich wohl in dieser Rebellenhaltung. Nun gut, ab und an waren Worte schon angebracht, aber doch nur dann, wenn es tatsächlich etwas wichtiges zu sagen galt. Denn diese ganzen nichtssagenden Floskeln („Wie geht’s?“ war doch nur eine andere Umschreibung für: „Eigentlich ist es mir ja scheißegal, wie es dir geht, aber ich möchte dir ja soooo gerne erzählen, was mir unlängst passiert ist…“) hasste ich abgrundtief, all dieses heuchlerische, verlogene Getue, das von allerlei schändlich missbrauchten Worten ummantelt wurde. Nun, Die Konsequenzen waren klar:

Nie wieder sollten Worte über meine Lippen kommen, die nicht absolut ernst gemeint waren, nie wieder würde ich unnütz plaudern!

Ich sah eine Gruppe von Leuten am Straßenrand stehen (ich weiß, dass das jetzt ein Sprung war, aber während meiner intensiven, weltverachtenden Überlegungen trat ich nach draußen, auf die Straße), wobei einige von ihnen früher mal meine Freunde gewesen waren – bevor ich der ganzen Welt den Krieg erklärt hatte. In der brutalen Gewissheit, dass ein Gespräch mit ihnen sowieso sinnlos wäre, schritt ich wortlos an ihnen vorüber, schleuderte ihnen mein Schweigen ins Gesicht. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob sie diesen „Angriff“ bemerkten oder nicht, jedenfalls reagierten sie nicht darauf.

In der Folgezeit bemerkte ich, dass es gar nicht so einfach war, ohne diese lästige Kommunikation auszukommen. Vor allem meiner Familie gegenüber erschien es mir etwas unpassend, denn was konnten sie schon dafür? Aber trotz alledem, ich beschränkte dieses sinnlose Geplauder auf ein absolutes Minimum, nur absolut notwendige und sinnvolle Dinge brachte ich zur Sprache. Späterhin verwendete ich diese Taktik auch gegenüber den Leuten, die ich kannte: Jeder Satz wurde, bevor er über meine Lippen trat, gründlichst auf seinen Sinn, Inhalt und Nutzen überprüft. Meistens war nach dieser Kontrolle das Gespräch zwar schon so weit fortgeschritten, dass der jeweilige Kommentar ohnehin unpassend erschien, aber die wirklich geäußerten Gedanken hatten es in sich. Sie waren so ausgeklügelt, dass die anderen sie nicht richtig verstanden und mich nur jedesmal fasziniert oder gelangweilt anstarrten.

Die Anzahl meiner sozialen Kontakte verringerte sich drastisch, aber das war mir natürlich egal. An der Freundschaft mit diesen hohlen, oberflächlichen Phrasendreschern lag mir ohnehin nichts.

Dennoch, das Festhalten an einer Haltung macht eigentlich nur dann Spaß, wenn man irgend jemanden damit provoziert oder beeindruckt. Dies wiederum setzt voraus, dass derjenige überhaupt weiß, was man gerade tut, damit er sich entweder zu Tode ärgert oder bewundernd Beifall klatscht.

Um dem abzuhelfen, suchte ich intensiv nach Gleichgesinnten, Leuten, denen wie mir das überflüssige Geplapper auf den Geist ging. Vielleicht konnte man sich in einer Art Club formieren, dessen Regularien strikt besagen, dass jegliches sinnlose Reden untersagt ist. Zum Gedankenaustausch könnten kleine Zettel dienen, deren Schreiben das im alltäglichen Leben fehlende Maß an Nachdenklichkeit erfordert. Ja, von dieser Idee war ich wirklich begeistert. Sofort inserierte ich in der SAX:

Club der Schweiger sucht neue Mitglieder. Wer wie ich die Abkehr vom oberflächlichen Small-Talk sucht, um in aller Ruhe und Gelassenheit über wirklich wichtige Dinge zu diskutieren, ist bei uns genau richtig. Chiffre: Halt’s Maul!

Die Resonanz war nicht gerade überwältigend. Statt der vielen Hundert Anrufe, welche ich erwartet hatte, meldeten sich ganze 5 Leute auf mein Inserat hin. Einer hatte sich allerdings verwählt, aber dafür konnte er nichts. Um unnötiges Gequassel zu vermeiden, ließ ich mir nur kurz die Adressen geben und schickte dann per Brief nebst einer Erklärung meiner Idee auch eine Einladung zum ersten Treffen. Einer der Anrufenden brach beim Telefonat mit mir in lautes Gelächter aus und fragte mich, ob ich das wirklich ernst meinte. Wortlos hängte ich den Hörer auf.

Am großen Wohnzimmertisch saßen dann wir 4 und schwiegen. Vor jedem lagen ein Zettelstapel und ein Stift. Um das Schweigen zu brechen – nein (!), um eine Kommunikation in Gang zu bringen, schrieb ich auf einen Zettel:

„Ich heiße Jaques. Das ist war nicht mein richtiger Name, dafür klingt er gut. Ich sympathisiere nicht mit dem französischen Staatsoberhaupt gleichen Namens. Wie heißt ihr?“

Nachdem der Zettel eine Runde gedreht hatte, schrieben auch die anderen nach und nach ihre „Namen“ auf Zettel und wir lernten uns kennen. Um hier nicht jeden Zettel ausführlich wiederzugeben, stelle ich jetzt meine “Schweigepartner” kurz vor:

Zu meiner Linken saß ein schlacksiger, schlanker Philosophiestudent, der sich selbst schlicht mit „Aristoteles“ bezeichnete. Sein Blick war unruhig, wanderte stets von einem zum anderen. Auch seine Beine und Arme schienen sich ständig nach Bewegung zu sehnen.

Rechts von mir thronte ein ziemlich wohlgenährter Mann, dessen Alter ich auf Mitte dreißig schätzte. Er nannte sich „Napoleon“, was auch irgendwie zu ihm passte. Aber dennoch, seine Miene spiegelte Müdigkeit wieder, oft stützte er sein Haupt mit einer oder beiden Händen ab.

Mein Gegenüber war ein absolut unauffälliger Mann, die sorgfältig gepflegte Allerweltsfrisur und die große Brille schienen ihn geradezu als Büroangestellten auszuweisen. Wohlgemerkt als niedrigen Büroangestellten mit keinerlei Ambitionen auf Beförderung. Sein Spitzname war „Rambo“, was uns alle zu einem Lächeln veranlasste, worauf er mit einem grimmigen Blick antwortete. Schon setzte er an, etwas zu sagen, da legte ich meinen Finger auf den Mund und setzte eine ernste Miene auf. Daraufhin entstand ein peinliches Schweigen. Nicht, dass ich grundsätzlich etwas gegen Lautlosigkeit habe, aber es lag einfach eine unangenehme Spannung in der Luft.

Napoleon erwies sich als Retter in der Not, indem er mir einen Zettel zukommen ließ, der folgendes enthielt:

„Sollen wir hier eigentlich vertrocknen?“

Sofort wurde ich mir meines Versäumnisses bewusst und marschierte schnurstracks in die Küche, um meinen Gästen etwas anzubieten. Nachdem alle ihr Glas gefüllt vor sich stehen sahen, schrieb ich auf einen Zettel groß „Prost!“ und erhob mein Glas. Es dauerte eine Weile, bis die anderen auch einen derartigen „Trinkzettel“ fertiggestellt hatten, danach konnten wir jedoch endlich unsere Gläser leeren. Der weitere Verlauf des Abends zeigte, dass jene Zettel am häufigsten benutzt wurden, so dass wir gegen 2 Uhr morgens uns dann lauthals singend in den Armen lagen und alle Prinzipien vergessen hatten.

Die Auswertung der überall im Zimmer verstreuten Zettel ergab, dass nach anfänglich durchaus wichtigen und interessanten Gesprächsthemen wie Politik, Philosophie und Kultur alsbald auch weniger wichtigere Dinge „angesprochen“ wurden. Die letzten Zettel zierten allerlei Strichmännchen und sexistische Witze.

Es kam zu keinen weiteren Treffen.

Mein nächster Versuch ging in Richtung Internet. Dort sollte es ja sogenannte Chat-Räume geben, in denen man sich ohne viel unnütze Worte über wichtige Themen unterhalten konnte. Das erste Problem hierbei war natürlich die Technik. Um auf diesem Gebiet voranzukommen, überwand ich meine Abscheu vor unnützem Reden und fragte einen Kommilitonen. Zu meiner Überraschung war er sofort bereit, mir weiterzuhelfen, er besuchte mich sogar und installierte auf meinem Rechner die benötigte Software. Danach zeigte er mir auch noch, wie das Chatten funktioniert, so dass ich sofort ans Werk gehen konnte.

Doch welche Enttäuschung musste ich erleben! Überall sinnloses Small-Talk-Geplauder, vermischt mit einigen wenigen, krampfhaften Versuchen, ernsthaft zu diskutieren. Die monatliche Telefonrechnung, welche meine Eltern aus bestimmten Gründen direkt an mich weiterleiteten, gab mir den Rest. Denn auf meiner langen Suche nach dem richtigen Chat-Raum hatte Zeit ihre Bedeutung für mich verloren. Die Telekom war da leider etwas anderer Meinung und holte mich schnell auf den Boden der Tatsachen zurück (mein Konto ereilte das selbe Schicksal – es wurde auf den Boden geholt).

Da saß ich nun, den Kopf voller wichtiger Gedanken und keiner interessierte sich dafür. Wütend schmiss ich das Filosofiebuch in die Ecke, versetzte den vielen Nachschlagewerken, in denen man wichtige Begriffe genau definiert fand, einen kräftigen Fußtritt und war eben dabei, per Serienbrief-Funktion alle wissenschaftlichen, kulturellen und politischen Zeitschriften abzubestellen, als meine Mutter mir das Telefon ins Zimmer brachte (so ein schnurloses Gerät ist schon überaus praktisch).

Ihr Gesicht sah so aus, als hätte sie gerade etwas absolut unglaubliches erlebt, z.B. Gedankenlesen, eine UFO-Landung oder die Scheidungsankündigung ihrer Lieblingsschauspielerin. Mit unsicherer, fast stammelnder Stimme, sagte sie: “Es ist für dich.” Tatsächlich war in den letzten Monaten kein einziger Anruf für mich gekommen. Schweigend (wie sonst?) nahm ich den Hörer entgegen, ein dankbares Nicken meines Kopfes in ihre Richtung sagte doch alles notwendige aus.

Es war ein alter Freund, von dem ich aber nichts mehr gehört hatte. Es gab Zeiten, da hätte ich ihn als meinen besten Freund bezeichnet. Diese Zeiten waren natürlich vorüber. Der Grund seines Anrufes war seine Geburtstagsfeier, zu der er mich einladen wollte. Mit möglichst wenigen Worten versicherte ich ihm, dass ich es mir reiflich überlegen würde und beendete das Gespräch so schnell wie möglich.

Nun stand ich also vor einem Dilemma: Sollte ich zu dieser Feier gehen, was im schlimmsten Falle bedeuten konnte, dass ich mich ganz normal mit allen möglichen Leuten über sinnlose Dinge unterhalten würde oder (weniger schlimm) sprachlos am Rande des Geschehens verweilen würde. Oder bliebe ich einfach zu Hause? Aber irgendetwas reizte mich, meinem Einsiedlerdasein zu entfliehen – nicht für lange Zeit, jedoch ausreichend lange, um den Feind – in meinem Falle also sinnloses Geplauder – auch kennenzulernen, um ihn letztlich zu besiegen. Das nächste Problem war nun, welche Taktik ich anwenden würde, um zum einen nicht weiter aufzufallen und zum anderen auch nicht meine heiligen Prinzipien zu verraten. Die Lösung war nicht weiter schwierig. Ich entsann mich nämlich eines Theaterstückes aus meiner Schulzeit, Oscar Wildes “The Importance Of Being Ernest”, in welchem ich Algernon, einen absolut nichts ernstnehmenden Charakter spielte. Das Beeindruckende an ihm war, dass er auch in Zeiten grösster Aufregung stets ruhig, und vor allem zynisch blieb. In einer Schlüsselszene setzte er sich nach heftigster und auch berechtigter Kritik an seinem schamlosen Treiben einfach hin und aß Muffins, völlig unbeeindruckt und seelenruhig. Alle verbalen Angriffe wehrte er spielerisch mit seinen bissigen Antworten ab. Ja! So wollte ich sein! Sogleich setzte ich mich hin und studierte intensiv seine Rolle. Sollten die anderen schon sehen, wie ich ihrem hohlen Gerede beikäme! Insgesamt hatte ich zwei Wochen zur Verfügung, zwei Wochen, welche ich mit intensivsten Vorbereitungen verbrachte, um allen Eventualitäten gewappnet zu sein.

Und schließlich war es soweit. Da ich absichtlich etwas später kam, war der großteil der Leute schon da. Das betroffene Schweigen, welches ich bei meinem “Auftritt” eigentlich erwartet hatte, stellte sich nicht ein. Stattdessen nahm niemand Notiz von mir. Bis auf den Gastgeber, der sich aus der Umklammerung zweier weiblicher Wesen lösen mußte, um mich willkommen zu heißen. Dadurch sah ich mich mit ungefähr 10 Leuten konfrontiert, welche die Übergabe des Geschenkes argwöhnisch beobachteten. Auf diese Situation hatte ich mich tagelang vorbereitet.

“Eigentlich müßte man sich ja darüber ärgern, älter zu werden. Dass du dich dennoch freust, zeigt schon einen gewissen Galgenhumor.”

Mit diesen Worten überreichte ich ihm das Präsent. Er überlegte kurz, dann antwortete er:

“Heute werde ich nicht älter, sondern jünger. Schließlich ist jedes Lachen eine kleine Verjüngungskur. Sehnst du dich nicht auch danach, jünger zu werden?” Das war nicht schlecht. Auch nicht das breite Grinsen, mit dem er mich bedachte.

“Um meine Jugend zurück zu erhalten, würde ich alles tun, außer zeitig aufstehen, Sport treiben und vernünftig leben.” Mein Grinsen war noch breiter.

“Das ist doch Schwachsinn.” warf seine Freundin ein.

“Es ist immer noch klüger, Schwachsinn zu reden als ihm zuzuhören.”

An den verwirrten Mienen konnte man leicht sehen, wie sehr sie meine Worte in Erstaunen versetzten. Langsam zerstreute sich auch die Gruppe, der Gastgeber begrüßte nun schon seit geraumer Zeit eine Kommolitonin, und ich war nun auf mich allein gestellt in dieser feindseligen Umgebung. Die erste Prüfung war bestanden, aber wie es weitergehen sollte, war völlig ungewiß. Mit einem kurzen, unauffälligen Rundumblick erfaßte ich die Situation. Von der Anfangsgruppe waren zwei Leute stehen geblieben, die sich gerade gegenseitig vorstellten. Ein idealer Punkt um einzuhaken. Ich näherte mich mit interessierter Miene.

“Hey, cooles Statement vorhin.” meinte der eine.

“Du stimmst mir also zu?” fragte ich.

“Klar, Alter. Voll und ganz.”

“Immer dann, wenn Leute mir zustimmen, weiß ich, dass ich falsch liegen muss.” Sagte ich möglichst unernst.

“Okay, dann stimme ich dir halt nicht zu.”

Jetzt schaltete sich der andere ins Gespräch ein: “Sag mal, irgendwie bin ich total irritiert. Sonst hört man immer nur so, du sagst kein Wort und baust an ‘ner Bombe oder so.”

“Es ist wirklich abscheulich, wenn Leute einfach so durch die Gegend spazieren und mir nichts dir nichts hinter meinem Rücken Dinge gegen mich sagen, die absolut und gänzlich wahr sind.”

“Dann stimmen also alle diese Gerüchte?”

“Ja klar, aber reden wir lieber über die Skandale anderer Leute. Schließlich will man ja was neues hören. Meine eigenen Skandale langweilen mich zu Tode, schließlich kenne ich sie ja alle in- und auswendig.”

Wir mußten alle laut lachen. Es war schon toll, so im Mittelpunkt zu stehen. Inzwischen hatten sich noch weitere Leute um uns (um mich!!!) gruppiert, die belustigt der verbalen Auseinandersetzung folgten. In diesem Stil setzte sich dann der Abend fort. Mein Wert auf der Sympathieskala stieg wie die Quecksilbersäule eines Zimmerthermometers, das man in kochendes Wasser taucht. Der Alkohol tat sein übriges (hatte ich mir nicht vorgenommen, nüchtern zu bleiben?), und die Musik war so miserabel, dass mir nichts anderes übrigblieb, als sie in Konversation zu ertränken.

Am nächsten Morgen wachte ich in meinem Bett auf. Wie ich hierhergekommen war, konnte ich auch nach mehrstündiger, angestrengter Rekonstruktion nicht herausfinden. In meiner Hosentasche fand ich einen Zettel mit Telefonnummern und email-Adressen, hauptsächlich mit weiblichen Vornamen versehen. Was hatte das wohl zu bedeuten? Mühsam versuchte ich, mich an Gesichter zu erinnern, und diesen, falls sie überhaupt kamen, auch noch entsprechende Namen zuzuordnen. Vergebens.

Am nächsten Tag in der Uni wurde ich von so vielen Menschen gegrüßt wie noch nie in meinem Leben. Ein herrliches Gefühl!

Ist es nicht einfach schön zu leben, zu sprechen, seinen Gedanken Ausdruck zu verleihen? Vielleicht sollte ich meine Erfahrungen niederschreiben und andere daran teilhaben lassen…

Schließlich ist das wichtigste im Leben doch die Kommunikation! Sich anderen Menschen mitteilen und mit ihnen über alle Themen reden – das ist das einzig Wahre!

Zeitraum: März-Juni 1999