Mein persönliches G20-Erlebnis

Schnell mal am Wochenende nach Hamburg, meine Schwester besuchen – das war der Plan. Ich wusste schon, dass der G20 genau dann stattfinden würde. Aber gut, ein bisschen später ankommen wegen ein paar Verzögerungen – das wollte ich in Kauf nehmen.

Der Reiseplan war dann auch ursprünglich, in Darmstadt um 16:30 abzufahren und kurz nach 21 Uhr in Hamburg-Altona anzukommen. Graue Theorie.

Die erste Verzögerung ereilte mich schon in Darmstadt, durch einen Oberleitungsschaden fuhr ab 16:00 kein einziger Zug mehr am Hauptbahnhof. Auslöser war eine Taube, die auf einem Isolator saß, vermutlich bezahlte sie dafür mit dem Leben.

Mein genialer Plan, mit einem anderen Zug von Darmstadt-Nord direkt nach Frankfurt zu fahren, löste sich auch in Luft auf, auch diese Strecke war vom Totalausfall betroffen. Am Bahnhof erhielt ich dann gemeinsam mit drei anderen Leuten einen Taxigutschein nach Arheiligen, von dort sollte die S3 uns nach Frankfurt bringen. Doch die Taxifahrer akzeptierten die Gutscheine schlicht und einfach nicht, wurden außerdem von mehreren Gruppen belagert, allesamt mit Gutscheinen wedelnd. Chaotische Zustände, verzweifelte Reisende wuseln auf der Straße vor dem Bahnhof, Taxiknappheit.

Unsere Rettung war dann der Airliner, eine direkte Buslinie zum Frankfurter Flughafen. Vom Flughafen ging es dann per Taxi nach Frankfurt-Süd, wo um 20:01 der letzte durchgehende ICE nach Hamburg fuhr. Ankunft wäre kurz vor Mitternacht gewesen. Doch auch dieser Zug hatte Verspätung, eine halbe Stunde.

Bereits in Hamburg-Harburg war die Fahrt zuende, was der äußerste Süden von Hamburg ist, ungefähr 15 Kilometer von meinem Ziel entfernt. Taxis gab es keine, ein Taxi-Service meinte, dass es nicht möglich sei, mich nach Altona zu bringen. Aber es gab da ja noch eine S-Bahn in die richtige Richtung. Doch auch diese Fahrt endete unerwartet früh in Wilhelmsburg. Wieder strömten Dutzende Leute raus und rannten auf jedes Taxi zu, was sich zeigte. Wieder meinte der Taxifahrer, dass Altona völlig unmöglich zu erreichen sei, alles gesperrt. Ich sah dann plötzlich einen Linienbus nach Veddel, in den ich kurzentschlossen einstieg. Im Prinzip war mir alles recht, was mich ein bisschen näher ans Ziel brachte.

Während der Fahrt hörte ich Leute darüber reden, dass sie zu Fuß weiter Richtung Hauptbahnhof laufen wollten, das würde ungefähr eine Stunde dauern. Eine weitere rechnete ich nach Altona, es waren vom Startpunkt dieser Wanderung ungefähr 12 Kilometer. Es war ein Uhr nachts, zu Fuß würde ich locker zwei Stunden brauchen. Tolle Aussichten. Aber es war auch eine schöne Erfahrung, gemeinsam mit wildfremden Leuten nachts durch Hamburg zu laufen, eine kleine Notgemeinschaft in dieser für alle schwierigen Situation.

Bereits in Wilhemsburg standen zahlreiche Polizisten am Bahnhof bereit, auch in Veddel war das der Fall. Konvois mit Kastenwagen waren unterwegs, und ein paar Leute zu Fuß. Ein Konvoi bog direkt vor uns ab Richtung Hafen-City, leere, konzentrierte Gesichter.

Einen Teil der Strecke zum Hauptbahnhof legten wir dann doch noch im Taxi zurück, das ging schon etwas schneller als zu Fuß. Am Bahnhof löste sich unsere lustige Vierertruppe auf, das junge Pärchen konnte mit der U-Bahn weiterfahren, der lokale Guide musste noch eine Stunde auf seinen Zug warten.

Für mich ging es aber Richtung Altona nicht weiter. Die S-Bahnen dorthin wurden zwar angezeigt, fuhren aber dann doch nicht. Zu Fuß wollte ich den Marsch dann doch nicht wagen, verläuft doch der Hauptweg direkt durchs Schanzenviertel, in dem die schlimmsten Randale tobten. Und dahin wollte ich mich keinesfalls verirren. So stand ich also um zwei Uhr nachts am S-Bahn-Gleis und wartete. Gegen halb drei fuhr dann wieder eine S1, allerdings in die falsche Richtung. Es war immer noch unklar, wann die Bahnen wieder fahren würden.

Um 2:40 saß ich dann endlich in der rettenden S1 nach Blankenese, kurz nach drei kam ich bei meiner Schwester an. Es war eine krasse Reise und defintiv mein letzter G20. Ich habe keinen einzigen Autonomen gesehen in dieser Nacht und fühlte mich auch nie bedroht. Der Samstag verlief dann sehr friedlich, lediglich ein paar Hubschrauber flogen ab und zu über uns weg.